Aaron · Tanz & Bühne
Der Körper spricht, bevor Worte entstehen.
Im Tanz habe ich erlebt, wie es ist, mit anderen Menschen ganz da zu sein - in Bewegung und in Stille, ohne etwas sein oder leisten zu müssen.

Mein Weg in den Tanz
Gemeinsam da sein, ohne etwas zu müssen.
Nach Jahren, in denen ich mich innerlich oft wie eingefroren fühlte, fand ich im Tanz einen Zugang zurück zum Spüren. Nicht ein für alle Mal: Wenn ich länger nicht im Unterricht war, geriet ich immer wieder in diese Erstarrung. Aber während ich tanzte, war etwas anderes möglich.
Ich erinnere mich an eine meiner ersten Tanzstunden. Wir hatten uns gemeinsam bewegt, dann standen plötzlich alle still. Wir hörten unser Schnaufen und die Musik. Niemand musste etwas vorführen. Wir waren einfach zusammen da, im selben gegenwärtigen Moment. Zum ersten Mal seit meiner Jugend spürte ich, wie sich Emotionen wieder bewegen konnten. Das hat mich tief berührt.
Was mich daran so berührte, war nicht nur, dass ich mich selbst wieder spürte. Wir waren alle in der Wahrnehmung unseres Körpers: beim Atem, beim Nachklang der Bewegung, bei der Musik. Dadurch konnte ich mit anderen Menschen präsent sein, ohne etwas sagen, zeigen oder leisten zu müssen. Ich war nicht allein und musste mich zugleich nicht anpassen. So hatte ich Zusammensein lange nicht erlebt.
Was Bewegung möglich machte
Genug zu tun, um ganz hier zu sein.

Der Tanz gab mir so viel zu tun, dass für kreisende Gedanken kaum Platz blieb: rechts und links unterscheiden, eine Abfolge erinnern, den Rhythmus hören, das Gleichgewicht halten, den Raum wahrnehmen und zugleich mit der Gruppe in Verbindung bleiben. All das forderte meine Aufmerksamkeit - und brachte mich ins Hier und Jetzt.
Ich liebte diese Freiheit. Sie hielt allerdings oft nur so lange an, wie ich tanzte. Schon ein einziger freier Tag konnte sich schrecklich anfühlen; dann waren die Erstarrung und das innere Alarmiertsein wieder da. Der Tanz gab mir etwas Kostbares, aber er konnte nicht allein lösen, was darunterlag. Später beschrieb ich dieses Gefühl für mich als ein Feststecken im Sympathikus - als wäre ich ständig in Bereitschaft, obwohl ich mich zugleich wie eingefroren fühlte.

Erst viel später fand ich auch eine körperliche Perspektive auf diese Erfahrung. Ruth Lanius und Breanne Kearney beschreiben, wie das vestibuläre System uns über Gleichgewicht und Bewegung im Raum informiert und wie solche Sinneseindrücke mit Körperwahrnehmung und Erregungsregulation zusammenhängen könnten. Das hilft mir zu verstehen, weshalb Drehungen, Gewichtsverlagerungen und die Orientierung in der Gruppe mich so unmittelbar erreichten. Es erklärt aber nicht alles - vor allem nicht die Nähe zu den anderen in jener stillen Tanzstunde. Und es ist kein Beweis, dass Tanz Trauma behandelt. Zum Fachartikel von Kearney und Lanius ↗
Rückblickend war Tanz eine unbewusste Art, mich zu unterstützen. Meine Ausbildung in Somatic Experiencing (SE) gab mir später weitere Wege, die Erstarrung und das innere Alarmiertsein zu verstehen. Aber die Erinnerung an den Tanz ist für mich nicht bloß eine Vorstufe von etwas anderem. Sie steht für sich: für die Freude an Bewegung und für Augenblicke, in denen ich mit anderen wirklich da sein konnte.
Auf der Bühne
Bewegung entsteht in Beziehung.


Kunst und Grenzen
Zwischen Freiheit und Anspruch.

Mit dem professionellen Tanz kam auch eine Spannung hinzu. Dort, wo Leistung, Präzision und der nächste Schritt zählen, wird oft erwartet, über die eigenen Grenzen hinauszugehen. Für mich war das nicht immer vereinbar mit dem, was mir am Tanz eigentlich geholfen hatte.
Ich liebe die Intensität und die künstlerische Arbeit im Ensemble. Gleichzeitig habe ich gelernt, genauer zu unterscheiden: Fordert mich eine Bewegung auf eine lebendige Weise heraus - oder verliere ich dabei den Kontakt zu mir? In meiner Körperarbeit frage ich deshalb nicht nur, was möglich ist, sondern auch, ob eine Erfahrung stimmig und tragfähig bleibt.

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